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Fragen zum Kinderheim Steig

Die Aktenlage zum Heimalltag in der «Stääg» ist dürftig

Aufgrund eines Zeitungsberichts wollte Grossrat Martin Breitenmoser in der Märzsession des Innerrhoder Grossen Rates von der Standeskommission wissen, ob die Geschichte des Kinderheims Steig je aufgearbeitet wurde.

Im Frühling weckte ein Artikel in der Appenzeller Zeitung die Aufmerksamkeit mancher Leser. Aus Rom wurde berichtet, dass das Appenzeller Zwillingspaar Erika Betschart und Oskar Brülisauer den Papst besuchen wollten. Eingeladen hatte sie Guido Fluri, der die Wiedergutmachungs–Initiative für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen lanciert hat.Das Begehren verlangt für Betroffene eine Entschädigung in der Höhe von 500 Millionen Franken, ausserdem wird eine Aufarbeitung des dunklen Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte verlangt. Der Zuger Unternehmer war selber fremdplatziert und im Heim. Seine beiden Begleiter verbrachten ihre ganze Kindheit, von den ersten Lebenstagen bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit, im Kinderheim Steig bei Appenzell, das damals von Ingenbohler Schwestern geführt wurde. Sie wurden beide – wie wohl zahlreiche andere Kinder während des 130–jährigen Bestehens der Einrichtung – missbraucht und misshandelt. Die Folgen davon beeinträchtigen noch heute ihr Leben.

Keine Protokolle zum Heimalltag
In der Innerrhoder Grossratssession vom 30. März 2015 stellte der Appenzeller Grossrat Martin Breitenmoser die Frage, ob die Geschehnisse im Kinderheim jemals aufgearbeitet wurden, ob es denkbar sei, dass die Betroffenen eine öffentliche Entschuldigung oder allenfalls eine finanzielle Entschädigung erhalten könnten.Frau Statthalter Antonia Fässler antwortete, eine systematische Aufarbeitung des Alltags in der «Stääg» gebe es nicht. Der Heimalltag sei nicht aktenkundig. «Bevor der Kanton eine Entschuldigung aussprechen oder über Entschädigungszahlungen befinden kann, sind die laufenden Arbeiten auf Bundes– und später auf Kantonsebene abzuwarten», sagte sie später auf Nachfrage. Auch Landesarchivar Sandro Frefel bestätigte auf Anfrage die dürftige Aktenlage. Es existieren Namenslisten mit Eintritts– und Austrittsdaten. Diese unterstehen wegen sensibler Personendaten einer Schutzfrist von 90 Jahren. Bei den wenigen Verwaltungsakten zur «Stääg» gilt eine Schutzfrist von 30 Jahren – wie für sämtliches nicht veröffentlichtes Archivgut des Kantons. «Das sind im Schweizer Vergleich übliche Fristen, die primär die Betroffenen schützen sollen», erklärt Sandro Frefel. Über die Vorgänge im Heim gibt es seines Wissens keine Protokolle – er vermutet, dass nie etwas dokumentiert wurde. Auch die Nachfrage im Archiv von Ingenbohl habe nichts zutage gebracht.Im Innerrhoder Landesarchiv gibt es neben den geschützten Dokumenten nur Alltägliches wie beispielsweise akkurat geführte Haushaltsjournale des Heims, die ein bisschen etwas über den Heim­alltag aussagen.Eine Schutzfrist von 90 Jahren besteht auch für Vormundschaftsakten, die Berichte über die Entwicklung der Heimkinder und Jugendlichen enthalten könnten.

Informationen nur von Zeitzeugen
Laut Protokoll der Grossratssitzung wies Antonia Fässler darauf hin, dass aus heutiger Sicht fragwürdige Erziehungsmethoden bis in die 60er– und 70er–Jahre des letzten Jahrhunderts noch weit verbreitet und entsprechend in den damaligen Unterlagen nicht negativ vermerkt wurden. Sie verwies auf eine Publikation von alt Landesarchivar Hermann Bischofberger und eine Maturaarbeit zum Thema aus dem Jahr 2005.Wegen der mageren Aktenlage könne man nur durch Interviews mit Betroffenen etwas über die Zustände erfahren, sagten sowohl Sandro Frefel als auch Antonia Fässler. Eine neutrale Sicht da­rauf gebe es nicht. Das Kinderheim wurde 1982 geschlossen. (Heute beherbergt die «stääg» nach Um– und Erweiterungsbauten ein Wohnheim und eine Werkstätte für behinderte Erwachsene.) Die letzten «Zöglinge», die Gewalt und Missbrauch erlebt haben wie die Geschwister Brülis­auer, sind meist über 60 Jahre alt; die Zeit drängt also.Es scheint auch keine Berichte über Kon­trollen des Heims durch Vormundschaftsbehörden oder andere Verantwortliche aus jener Zeit zu geben. Sandro Frefel weiss von einem aktenkundigen Vorfall 1948: Einige Waisenkinder waren aus dem Heim weggelaufen. Die Armenkommission liess daraufhin von externer Stelle eine Expertise über den Heimalltag erstellen. Es wurden einige Verbesserungen vorgeschlagen, zum Beispiel bessere Betreuung durch mehr Personal, abwechslungsreichere Mahlzeiten, sowie bei der Strafpraxis und im baulichen Bereich. Einiges davon sei in den Fünfzigerjahren umgesetzt worden.

Dissertation in Arbeit
Laut Auskunft von Sandro Frefel wurde das Angebot zur Akteneinsicht im Innerrhoder Landesarchiv lediglich von etwa drei Personen genutzt. Auch Erika Betschart wollte die Akten nicht sehen. Frefel fügte hinzu, etwa die Hälfte der Familien der Heimkinder sei nicht in Innerrhoden wohnhaft gewesen, sie hatten lediglich das Innerrhoder Bürgerrecht; die Kinder wurden daher hier untergebracht – wie früher auch verarmte oder kranke Menschen ins «Armenhaus» ihres Heimatorts kamen. Zum Zeitpunkt der Frage von Grossrat Breitenmoser lag der Gesetzesentwurf des Bundesrats – ein indirekter Gegenvorschlag zur Wiedergutmachungsinitiative – noch nicht vor, weshalb sich Antonia Fässler nicht darauf beziehen konnte.Sie erwähnte in der Antwort auf Martin Breitenmosers Anfrage eine Dissertation im Rahmen eines Nationalfondsprojekts zum Thema. Die Standeskommission hat dafür Akteneinsicht gutgeheissen. (Für Forschungsarbeiten oder wenn ein legitimes Interesse gegeben ist, kann die Standeskommission bei Akten mit schützenswerten Personaldaten – oder bei Verwaltungsakten der zuständige Amtsleiter – die Schutzfrist aufheben.) Man werde abwarten ob die Resultate der Doktorarbeit den Bedürfnissen Innerrhodens nach Informationen zu den Geschehnissen in der «Stääg» entsprechen, sagte Antonia Fässler. Andernfalls müsse man prüfen, ob weitere Schritte eingeleitet werden sollen. Naturgemäss wird es einige Zeit dauern, bis Resultate vorliegen.Sandro Frefel präzisierte, dass es sich um eine vergleichende Forschungsanlage zu behördlich angeordneten Fremdplatzierungen handle. Exemplarisch werden dabei zwei Heime in kleinen Kantonen verglichen: das im ländlichen katholischen Innerrhoden betriebene Kinderheim Steig und eine städtische reformierte Einrichtung in Basel. Martin Breitenmoser geht es hingegen darum, die Geschichte der «Stääg» proaktiv anzugehen: «Die Betroffenen haben das Recht und die Öffentlichkeit hat die Pflicht», sagte er im Grossen Rat. Man sollte auf die Betroffenen zugehen und etwas unternehmen bevor sie «Ansprüche stellen» und «der Kanton mit dem Rücken zur Wand» stehe.

Geschenk für den Papst
Auch Papst Franziskus war auf die Anliegen der ehemaligen Heim– und Verdingkinder in der Schweiz aufmerksam geworden – durch einen Brief von Guido Fluri und seine Bitte um ein Treffen im Rahmen der wöchentlichen Generalaudienz. Der Besuch beim Pontifex im Frühling (der vom Schweizer Fernsehen begleitet wurde) hat aus Zeitmangel nicht geklappt. Laut Erika Betschart ist die nächste Reise in den Vatikan im September geplant. Die Geschwister Brülisauer und Guido Fluri wollen Papst Franziskus ein reichverziertes Kruzifix mit einem Knochensplitter des Hl. Franz von Assisi überbringen – ein Geschenk im Namen der Schweizer Opfer von Willkür und Gewalt in kirchlichen Einrichtungen.

Akteneinsicht und Soforthilfe
Seit dem 1. August 2014 erhalten Opfer von fürsorgerischen Massnahmen laut Anordnung des Bundes das Recht auf Akteneinsicht. Diese bestand in Appenzell Innerrhoden und in vielen andern Kantonen schon zuvor – «für sämtliche staatlichen Bereiche mit Betroffenen», präzisierte Sandro Frefel. «Die Archive wollen nichts verbergen», sagte er anlässlich eines Augenscheins im Landesarchiv. Sie seien offen und versuchten, Betroffenen unkompliziert zu helfen; sie beschaffen Akten und begleiten Interessierte bei der Durchsicht. Die Archivare hätten aber auch die Pflicht, Opfer zu schützen, indem sie ihre Daten vertraulich behandeln, ergänzte er. Mit der Unterstützung bei der Suche nach der Vergangenheit wolle er den Betroffenen vermitteln, «dass staatliches Wirken anders aussehen kann, als sie es in ihrer Kindheit und Jugend erlebt haben». Der Landesarchivar wurde von der Standeskommission 2013 als Ansprechperson benannt für Opfer von fürsorgerischen Massnahmen, die Akteneinsicht wünschen, und wurde beauftragt, eine Übersicht zu erstellen über Akten, die ehemalige Bewohner des Kinderheims Steig interessieren könnten.Im April vergangenen Jahres wurde ein nationaler Soforthilfefonds geschaffen, welcher mit freiwilligen Beiträgen von Kantonen, Städten, Gemeinden, privaten Organisationen und Unternehmen sowie von Privatpersonen geäufnet wurde. Der Kanton Appenzell Innerrhoden hat sich mit einem Beitrag von 10 000 Franken an diesem Fonds beteiligt. Insgesamt kamen 5,8 Mio. Franken zusammen. Bis Ende letzten Monats konnten in wirtschaftliche Not geratene Opfer Gesuche für Soforthilfe an den vom Eidgenössischen Justiz– und Polizeidepartement gegründeten «Runden Tisch» in Bern richten. «Da die Zuständigkeit beim Runden Tisch des Bundes liegt, wissen wir nicht, ob jemand aus der Innerrhoder Bevölkerung sich dort gemeldet hat», erklärte Antonia Fässler auf Anfrage. In der Appenzeller Zeitung vom 10. Juli war zu lesen, dass aus der Ostschweiz 112 Gesuche eingegangen und behandelt worden sind. 64 Geldbeträge wurden inzwischen ausbezahlt, sechs wurden abgelehnt und 42 Antragsteller warten noch auf den Entscheid. Sieben Anträge kamen aus dem Appenzellerland, fünf Antragssteller erhielten finanzielle Unterstützung; zwei Anträge wurden abgelehnt. Die Zahlen sagen jedoch nichts darüber aus, wo die Antragsteller in ihrer Kindheit untergebracht waren. Der Runde Tisch macht sich über die Auszahlung von Soforthilfe hinaus dafür stark, das dunkle Kapitel aufzuarbeiten – unter anderem «um die gesellschaftliche Anerkennung begangenen Unrechts und erlittenen Leids zum Ausdruck zu bringen.»Am 24. Juni 2015 hat der Bundesrat eine Vorlage für eine umfassende Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen in die Vernehmlassung gegeben. Diese sieht unter anderem auch Solidaritätsbeiträge im Gesamtumfang von 300 Mio. Franken für alle Opfer vor.


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