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Samstag, 17. März « zurück

112 Ansichten des Alpsteins

Die Gilde Schweizer Bergmaler zeigt in der Kunsthalle Ziegelhütte ihre 18. Jahresausstellung

Wo anders als in Appenzell hätte die Jahresausstellung der Schweizer Bergmaler zum Thema Alpstein stattfinden können? Die von einer Jury für die Ziegelhütte kuratierte Ausstellung bedient die Sehnsüchte der Besucher, Kunst zu sehen, die mit der Umgebung zu tun hat. Sie zeigt aber kaum Postkartensujets sondern ungewohnte Ansichten des vermeintlich Bekannten.

Trutzige Felsbrocken, scharfe Berggrate, schroffe Steinnadeln, schrundige Kamine, spiegelnde Seen, samtige Wiesen, gleissende Schneefelder, peitschende Regenböen, Nebelschleier, Türkishimmel, Smaragdweiden, Wolkenklüngel, rosige Winterlandschaften, monumentale Gipfel, Schattenspiele und Bachgesprudel: Das erwartet man von Bergbildern und das bekommt man in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell.

Menschenleere Berge
Ab heute zeigen über 50 Bergmaler aus der ganzen Schweiz ihre Ansichten vom Alpstein, ein einzelnes Matterhorn und einen Pilatus in Serie. Sie haben sich mit jeweils mehreren Exponaten für die 18. Jahresausstellung der 1987 in Grindelwald gegründeten Künstlervereinigung beworben. Die Jury aus Gildenmitgliedern, Roland Scotti, Kurator der Liner–Museen, und Kunsthistorikerin Daniela Mittelholzer wählten 112 Werke aus. Jedes ist eine Entdeckung. «Die Malerinnen und Maler haben sich die Mühe gemacht, sich mit den Bergen auseinanderzusetzen, haben sich im Alpstein aufgehalten», erzählte Roland Scotti bei der Medienorientierung.
Es wurde beispielsweise mit winzig kleinen Pinselstrichen ein überwältigendes Bergpanorama entfaltet, mit einer Tiefenschärfe wie sie selbst die Fotografie nicht erreicht. Im obersten Stockwerk huldigen Holzschnitte filigranen Schneeflocken. Daneben buhlen knallfarbige plakative Bergblumen um die Aufmerksamkeit der Betrachter. Die Gilde akzeptiert nicht nur Gebirge als Sujets, sondern auch ihre Bewohner. Die mit «Säntisbewohner» betitelten kleinen gelben Blumen des 90–jährigen Hans Gmünder aus Gümligen (BE), brechen ironisch seine monochromen Bilder, die von der Menschenfeindlichkeit der Berge erzählen. Auf den wenigsten Bildern finden sich aber Tiere, Häuser oder gar Menschen. Die alpine Welt ist meist unberührt, aus der Vogel– oder der Froschperspektive gesehen, prangt Acryl auf Holz als Relief an der Wand. 24 Mini–Aquarelle erzählen beispielsweise vom universellen «Appenzell». Es gibt Schneebilder und Sturmbilder, Sommer– und Herbstbilder, mit Wasserfarben, Ölfarben oder Kreide gemalt. Kirchenfenster bunt oder Grau in Grau oder Schwarz–Weiss sind die Berge plötzlich fremd, exotisch, unheimlich.

Abenteuer für die Augen
Aquatinta, Kaltnadel, Mareco (Batik mit Papier), Aquarell auf Baumwolle und Tuschzeichnungen bilden tektonische Faltenwürfe oder Fantasiewelten ab. Die Ausstellung ist erlebnisreich wie eine Wanderung im Alpstein, ein Abenteuer für die Augen. Man sollte sich genug Zeit nehmen in die bemerkenswerten Bilder einzutauchen. Viele sind so wuchtig, dass eine Rast zwischendurch gut tut, zum Beispiel am interessant bestückten Büchertisch, am Kartenkiosk oder mit dem von der Gilde herausgegebenen Katalog mit Kurzbiografien der Ausstellungsteilnehmer.

Seilschaften
Die Schweizer Bergmaler stellen selten in Museen aus; die Jahresausstellungen sind auch Verkaufsausstellungen. Für die Kunsthalle Ziegelhütte ist die Ausstellung einer Künstlervereinigung auch eine Premiere.Eng mit der Gilde ist die Stiftung des Sammlerehepaars Emil und Ida Sutter verbunden. Sie kaufen Werke an, um die Geschichte der Schweizer Bergmalerei vom 19. Jahrhundert bis heute zu präsentieren, am liebsten in einem kleinen Museum in Grindelwald. Eine Wand im ersten Stockwerk der Ziegelhütte zeigt einen Querschnitt durch die Sammlung. Darin findet sich das einzige Bild eines «Einheimischen», von Werner Steininger. Es habe sich sonst keiner der lokalen und regionalen Künstler beworben, beantwortete Roland Scotti eine entsprechende Frage. Auch die beiden bekanntesten Maler des Appenzellerlandes Carl August Liner und sein Sohn Carl Walter sind präsent. Für beide war der Alpstein naheliegendes und geliebtes Sujet. Ihre Bilderwände wirken wie Rufe, die Echos auslösen. Es finden sich die selben Frühlingsfarben, die wundersamen Bachsteine, schimmernder Firn, blaue Bergflanken gegenüber oder in den anderen Räumen.


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