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Mittwoch, 24. Juni 2015« zurück

«Schnupftabak für einen Totenkopf»

Tollkühn–absurdes Schauspiel mit Cora Chilcott – Texte der Dadaisten

Ein Hauch von Cabaret Voltaire wehte am Samstagabend durch die Ziegelhütte in Appenzell: Das Publikum, gediegen an runden Tischchen platziert, ein Bier oder sonst was geniessend. Und vorne Cora Chilcott, die Texte von Kurt Schwitters, Hugo Ball, Hans Arp, Max Ernst, Tristan Tzara und anderen vortrug. Dada, eine vergangene Kunstform, verstaubte Poesie? Von wegen: Die Berliner Schauspielerin bewies mit grossem Können: Dada lebt. Und ist witzig, tiefsinnig, schlicht und einfach: der helle Wahnsinn.

«Ich wurde als ganz kleines Kind geboren. Meine Mutter schenkte mich meinem Vater, damit er sich freute. Dann wuchs ich heran zur Freude anderer. Wenn sie sich manchmal aufregen, dafür kann man ja nichts. Mein Lehrer freute sich immer, wenn er mich ohrfeigen konnte. Und die Schule war froh, als ich mit ihr fertig war». Dieser Auszug aus der «Kurzen Lebensbeschreibung» von Kurt Schwitters ist nüchtern gelesen schon witzig genug, vorgetragen aber mit dem unbändigen Mienenspiel und dem stimmlichen Ausdrucksvermögen von Cora Chilcott wurde der Text zu einem wahren Vergnügen, zu einem Kunsterlebnis.

«Gaga di ogada»
Wie sehr Dada–Texte aber durch gekonnten Livevortrag gewinnen, merkt man vielleicht am krassesten bei Hugo Balls Lautgedichten: «jolifanto bambla o falli bambla». Was soll das zum «bosso fataka» noch mal? denkt sich wohl die Mehrheit der Leser, argwöhnisch im Buch blätternd. Auf der Bühne intoniert, vom langgedehnten «ü üü ü» krass übergehend zum guttural gekrächzten «gaga di ogada», wird der Vortrag zu einer amüsanten Bühnenshow, akustisch, aber auch optisch. Die Schauspielerin, androgyn gekleidet in Anzug mit Krawatte und gelber Blume im Knopfloch und mit weiss geschminktem Gesicht, wird zur Darstellerin von Emotionen, die den unsinnigen Text scheinbar sinnvoll interpretieren, der Zuschauer wird aufgefordert die offensichtliche Verballhornung ernst zu nehmen. Ein besonderes Stilmittel dabei ist, wenn der Vortrag einen fast blödsinnigen Kontrast zum Inhalt bildet. Dadurch entsteht eine ganz eigene Spannung. Alles wird Ironie. Und das Publikum füht sich auf angenehme Weise verulkt. Zum Beispiel beim Text «Mein Selbstmord». Mit unpassend sanfter Kinderstimme wird da von einem Selbstmord erzählt, der offensichtlich missglückt ist. Und zwar aus Gründen, die man nur als dadamäs–sig bezeichnen kann: Starker Strom, das geht nicht, das wäre ja lebensgefährlich; und weil das Rasiermesser zu stumpf ist und «ich beim Erdolchen zu grosse Angst habe, mich in den Finger zu schneiden»; ins Wasser gehen ist zu kalt, da könnte man sich schlimm erkälten und «das gelbe Gift, das ich probiert habe, hat mir wie Bier geschmeckt». Kurzum: Selbstmord machen ist viel zu gefährlich, da könnte ja weissgottwas passieren.

«Donner der schwarzen Kegelbahn»
Ein ganz besonderes Kabinettstücklein ist Hans Arp mit seinem «Weh unser guter Kaspar ist tot» gelungen. Mit seinem Abgang stellen sich nämlich einige bohrende Fragen: «Wer dreht nun die Kaffeemühle? Heiliger bimbam, warum hast du uns verlassen?». Die Folgen sind fatal: «Jetzt donnert hinter der Sonne die schwarze Kegelbahn und keiner zieht mehr die Räder der Schiebkarren auf. Und wer erklärt uns die Monogamie in den Sternen?» Dass Kaspars Büste einmal «die Kamine aller wahrhaft edlen Menschen zieren wird, ist kein Trost und Schnupftabak für einen Totenkopf.» Wen wunderts, dass inzwischen Heerscharen gelehrter Interpreten mit rauchenden Köpfen über diesem Text brüten und sich beklommen die Frage stellen: Wer ist eigentlich dieser Kaspar?

Der Rothaarige und der «Gygechaschte»
Ein Schelm, wer beim Text über den rothaarigen Mann an den grossen schweizer Liedermacher Mani Matter und sein «Us emene lääre Gygechaschte» denkt. Denn dieser Rothaarige hatte tatsächlich keine Augen, keine Ohren – und Haare hatte er auch nicht (die allerdings waren ohne Zweifel rot), er hatte keinen Bauch keinen Rücken usw. «Unbegreiflich deshalb, von wem da eigentlich die Rede ist», lautet trocken die Schlusszeile. In Mani Matters surrealistischem, Lied spielt einer «ohne Bogen es Lied ohni Wort» Und es endet mit: «Und so blybt no sys Lied, nume das isch no da. Denn ou e Zilinder het er nie kene gha.»

Dada ist Programm
Das variable Mienenspiel der Schauspielerin wurde bereits erwähnt. Sie ist aber auch Sängerin. Das merkte man beim Rezitieren. Ein Wurm am Angelhaken, daran ein Fisch, dieser Fisch stirbt in der Luft – das tönt vielleicht nicht spektakulär. Cora Chilcott aber machte daraus ein Ereignis. Wie aus dem Lied «Mutter Bäumlein» von Bert Brecht, das Hanns Eisler vertont hat. Mit langgezogener, schleppender, mit verfremdender Stimme wird darin die Geschichte einer Mutter mit Holzbein erzählt, die, wenn sie gut gelaunt ist, ihre Kinder dieses Holzbein besichtigen lässt; und die einen Nagel in die hölzerne Prothese geschlagen hat, damit sie den Hausschlüssel jederzeit findet. Mani Matter, Bertold Brecht? Dada ist nicht nur auf die Zeit anfangs des 20. Jahrhunderts mit all den bekannten Dada–Namen beschränkt. Nicht nur diese Texte leben immer noch. Dada ist Programm. Und wird es bleiben (bei Dichtern, die etwas auf sich geben).

«Geliebte meiner 27 Sinne»
Skurrile Figuren wie Mutter Bäumlin, Banalitäten in der Art von «Rote Himbeeren sind rot», Wortspielereien («Sie sind ja ein Schieber, sie Schieber.»), Paradoxe, Widersprüche und scheinbarer Unsinn («Ihr seht mit euerm Nabel.»). All das ist Dada. Aber Dada wäre nicht vollständig ohne «Anna Blume», dem unerhörten Gedicht von Kurt Schwitters: «Oh du Geliebte meiner 27 Sinne», heisst es da. «Weisst du es Anna, weisst du es schon, man kann dich auch von hinten lesen.» Was zwangsläufig zum Fazit führt: «Anna Blume, ick liebe dir!» Ja, das wär’s! Und das war’s: ein durch und durch amüsanter Abend.

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