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Donnerstag, 1. September 2011« zurück

«Die Kinder in Afrika wären froh . . .»

Nathalie Sassine–Hauptmann las im Bücherladen aus ihrem Buch «Rabenmutter»

«Man ist eine Rabenmutter, wenn man die Kinder bei der Freundin vergisst!» Grosses Gelächter, Kopfschütteln. Auf Einladung des Bücherladens und FAMIDEA las Nathalie Sassine–Hauptmann aus ihrem Werk «Rabenmutter». Dabei bot sie witzig, augenzwinkernd «die ganze Wahrheit über das Mutter werden und Mutter sein».

«Eine Frau ist eine Rabenmutter, sobald sie schwanger ist!» Denn dann beginnt es. Die werdende Mutter hat neun Monate lang überaus brav zu sein. Weil man gerade während der Schwangerschaft alles verderben kann. Durch falsche Ernährung oder weil der Drang zum Rauchen zu gross ist. Und auch Alkohol ist strikte verboten. Denn man will ja nur das Beste für das Kind. Und setzt sich selber unter Druck. Und wird unter Druck gesetzt. Ach, die vielen guten Ratschläge, die man sich anzuhören hat! Kaum wird der Bauch runder, so dass sich das freudige Ereignis nicht mehr verheimlichen lässt, kann Folgendes geschehen, wie Nathalie Sassine–Hauptmann erzählt: Du bist an einer Vernissage, erlaubst dir ein Gläschen. Und plötzlich spürst du einen Blick vom Prosecco zu deinem Bauch und von deinem Bauch zum Prosecco–Glas wandern. «Sie sind schwanger?» Natürlich weiss die Blicke werfende Frau genau, wie man sich in so einem Fall zu verhalten hat, schliesslich ist sie selber Mutter. Hat das alles auch erlebt. Und weiss es deshalb besser. Sie sagt gar nichts zu dem Schluck Alkohol, den zu genehmigen du dir erlaubt hast. Sie wirft nur einen Blick aufs Glas.

«Gar nicht so schlimm»
Im Frühling ist das Buch «Rabenmutter» erschienen im Verlag Walde + Graf, einem ziemlich jungen Verlag, der sich darum bemüht, dass die Bücher auch äusserlich wirklich schön sind, Bücher zum Anfassen. Den Text von Nathalie Sassine–Hauptmann hat Kati Rickenbach illustriert. Am Dienstagabend las die Autorin im stimmungsvollen Kellergewölbe des Bücherladens an der Poststrasse in Appenzell. Das recht zahlreiche Publikum war (fast) exklusiv weiblich. Und auf die Frage, wer denn Mutter sei, streckten fast alle die Hand in die Höhe. An sie alle richtete Helen Moser–Geiger in der Begrüssung im Namen von FAMILIA die tröstenden Worte: «Vielleicht wird ja die Erkenntnis des heutigen Abends sein, dass es gar nicht so schlimm ist, manchmal eine Rabenmutter zu sein.» Perfektion ist nicht gefragt.

Cool sein. Und tolerant
Werde ich eine gute Mutter sein? Werde ich wie meine Mutter? Und will ich das? Natürlich nicht! Das Ziel ist nicht, erklärt Nathalie Sassine, eine Bilderbuchmutter zu werden (so wie die eigene Mutter!). «Ich wollte cool sein, tolerant, ich wollte Spass haben mit den Kindern. Und keine Ängste auf sie übertragen.» Und dann kommt halt doch alles ganz anders. Dann erwischt du dich auf einmal, dass du zu deinem Nachwuchs, wenn er das aufgetischte Essen einfach nicht geniessbar findet, in vollem Ernst sagst: ‹Die Kinder in Afrika wären froh, wenn . . !› Und dabei hast du dir doch so fest vorgenommen, eines ganz sicher nie in moralisierendem Ton zu sagen: ‹Die Kinder in Afrika wären froh, wenn . . !›

Gefährliche Frage
Die Autorin hüpfte von Themenbereich zu Themenbereich. Es beginnt mit dem Stillen und der ganzen Ideologie, die damit verbunden wird. Mindestens sechs Monate, sonst wird das nichts mit dem Junior. Und Mütter die nicht stillen können, fühlen sich als Versagerin. Und und und. Zum Beispiel der Kaiserschnitt. Und erst der Alltag mit dem Baby. Immer kommt etwas dazwischen! Nicht überaus spannend, immer das Gleiche, aber die Arbeit kommt nicht vom Fleck: Windeln wechseln, das Baby beruhigen, kochen usw. In diesem Zusammenhang hat Nathalie Sassine einen guten Tipp für alle Väter parat. Frag die Mutter mit kleinen Kindern am Abend nie: «Was hast du den ganzen Tag getan!» Dann könnte sie nämlich vielleicht denken: «Nicht viel, aber in einer Minute werde ich dich erwürgen!»

«Pass ja auf!»
Ein Kapitel für sich sind die Grosseltern. Der Grossvater geht ja noch, der genehmigt sich nach erfolgreicher Geburt einen Drink – aber die Grossmutter, deine Mutter! In ihren Augen wirst du, sobald du Mutter bist, augenblicklich wieder selber ein Kind, ihr Kind, das man bemuttern und mit Ratschlägen vollstopfen muss: «Pass auf, dass der Kleine eine Jacke anzieht!» Wie könnte das eigene Kind ohne ihre Mutter schon wissen, wie man mit den eigenen Kindern umgehen muss!
Und die kindlichen Feuchtgebiete! In diesem Zusammenhang sei nur an den verständlichen Wunsch erinnert, mindestens zwei Stunden lang einen sauberen Pullover tragen zu können.

Zeit ja, Haushalt nein
Und die Väter? Die wären doch glatt vergessen gegangen. Dabei ist nun wirklich die Zeit der absoluten Superväter angebrochen: Männer, die ihr Vater sein so richtig ausleben wollen. Nur leider, klagt die Autorin, ist ihnen vor allem wichtig, Zeit mit den Kindern zu verbringen, das macht ja auch Spass, aber im Haushalt helfen – na ja, eher weniger! Trotzdem freuen sich die Mütter natürlich über Väter, die Zeit für ihre Kinder haben. Das ist nichts als positiv.

Vorbildliche Rabenmütter
Wie ja das ganze Buch mit dem scheinbar so finsteren Titel aufmunternd gemeint ist, locker nach dem Motto: «Ein bisschen weniger perfekt ist immer noch sehr okay!» Rabenmütter sind nämlich meistens gar keine Rabenmütter. Wie auch ein sachkundiger Blick in die Zoologie bestätigt: Die Rabenweibchen sind sogar vorbildliche Mütter, heisst es, viel besser als ihr Ruf.

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